Wiedererweckung der Minerva ab 1990

Text vom ehemaligen Meister vom Stuhl der Loge Minerva Br. Wilhelm Thies

So viel Anfang war nie …

Leipzig, MontagsdemonstrationNovember 1989 – die Mauer wird durchlässig, die Menschen von hüben und drüben fallen sich in die Arme, Freudentränen, Erschütterung, Wiedersehensfeiern.

Die ersten Begegnungen sind beherrscht vom Austausch der Erfahrungen der letzten fünfzig Jahre und von dem guten Willen, gemeinsam eine Zukunft zu finden. Nachdem der erste Begeisterungstaumel vorüber ist, greift eine gewisse Ernüchterung Platz.

Bei Besuchen Westdeutscher in Ostdeutschland wird auch für sie näher erkennbar, welche furchtbaren Schäden die Herrschaft der Kommunisten verursacht hat. Verständlicherweise stehen die materiellen Nöte und die Aufgabe ihrer Milderung oder Beseitigung an erster Stelle. Wer sich mit den Irrlehren der totalitär regierten DDR näher befaßt hat, und wem die Schwächen des westlichen Systems bewußt sind, der ahnt, daß die innere Vereinigung größere Probleme bereiten wird als die staatliche Vereinigung im politischen und wirtschaftlichen Bereich.

Montagsdemonstration in Leipzig 1989Die Partnerstädte Hannover und Leipzig, beide als Messestädte weltbekannt, haben ein Kennenlernen auf breiterer Ebene verabredet und so fährt ein Sonderzug mit hannoverschen Bürgern nach Leipzig und ein ebensolcher von Leipzig nach Hannover.

Dieser Gedanke der Partnerschaft faszinierte mich und warf die Frage auf, ob wir eine Betreuungsaufgabe, die die Loge „Friedrich zum weißen Pferde“ über mehrere Jahre nach dem Mauerbau für ostdeutsche Freimaurer übernommen hatte, wieder aufleben lassen sollten.

Ich wußte, daß die älteste LeipFriedrich_zum_weissen_Pferdeziger Loge die allen deutschen Freimaurern bekannte „Minerva zu den drei Palmen“ war. Mir kam der Gedanke, daß es für die älteste hannoversche Loge „Friedrich zum weißen Pferde“ besonders reizvoll sein müßte, die älteste Leipziger Loge – wenn möglichzu neuem Leben zu erwecken.

 

Wie könnte das geschehen? Ich trug meine Gedanken dem Beamtenrat vor und wir beschlossen, im Januar 1990 einen Brief an vier große Leipziger Zeitungen zu schreiben mit der Bitte, einen informierenden Text über die Freimaurerei abzudrucken. Keine der Zeitungen entsprach unserem Wunsch.

Ganz anders war die Reaktion, als wir wenige Wochen später Annoncen aufgaben, in denen unter der Überschrift „Was ist Freimaurerei?“ angeboten wurde, bei uns in Hannover informierendes Material anzufordern.

lvz-annonce

Das Echo überraschte uns: Sechsundachtzig Zuschriften bekundeten das Interesse ostdeutscher Männer an der Freimaurerei. Wir bedienten sie alle mit einem ansehnlichen Paket von Informationen und einem freundlichen Begleitschreiben, in dem wir zum Ausdruck brachten, daß, wenn das Interesse nach der Lektüre anhaltend sei, wir u.U. zu einem Gespräch nach Hannover einladen würden. Und so geschah es. Im Juni 1990 luden wir neun Herren und im September elf Herren aus Leipzig zu einem Wochenend-Kolloquium zu uns ein.

Wir zahlten eine kleine geldliche Beihilfe zu den Fahrkosten, in Hannover wohnten die Herren bei Mitgliedern unserer Loge, und wir bewirteten sie in unserem Logenhause. Fünfzehn Herren, die zu erkennen gegeben hatten, daß sie an einem eingehenden Gespräch interessiert seien, suchten wir jeweils an einem Wochenende im September und November 1990 in Leipzig in ihren Wohnungen auf, um uns mit ihren Ehepartnern und ihren Lebensverhältnissen vertraut zu machen.

Schon bald erhielten wir etwa ein Dutzend Aufnahmeanträge, die der Aufnahmeausschuß prüfte. Von vornherein lag mir daran, wenn es zu der Wiedergründung der Loge „Minerva zu den drei Palmen“ käme, dann nur unter Mitbeteiligung von Leipziger Brüdern. Zunächst aber mußte ich meine hannoverschen Brüder gewinnen für den Plan, in Leipzig die Deputationsloge „Minerva zu den drei Palmen“ zu errichten. In einer Mitgliederversammlung am 06. November 1990 faßten wir den folgenden einstimmigen Beschluß:


„Die Mitgliederversammlung beschließt, gemäß Gesetz über „Freimaurerische Zirkel und Deputationslogen“ der Großloge A.F.u.A.M.v.D. eine Deputationsloge in Leipzig zu gründen. Diese soll „Minerva zu den drei Palmen“ Nr. 1O i.0. Leipzig heißen und die Tradition dieser alt-ehrwürdigen Leipziger Loge fortsetzen. Die Loge „Friedrich zum weißen Pferde“ wird die Deputationsloge betreuen, unterstützen und dazu beitragen, sie im Zeitraum von zwei Jahren zu einer selbständigen „gerechten und vollkommenen Loge zu entwickeln.“


Ferner wählten mich meine Brüder zum MvSt. der Deputationsloge. Ein Bruder stiftete spontan ein Anwesenheitsbuch für die Deputationsloge, ein anderer eine Bibel aus dem Jahre 1894. Selbstverständlich gab es in meiner Bruderschaft auch Zweifel und Bedenken, ob wir mit dem Anerbieten, eine Freimaurerloge in Leipzig zu gründen, den tatsächlichen Bedürfnissen unserer ostdeutschen Landsleute entgegen kämen. Die Besetzung der STASI-Hochburgen an verschiedenen Orten und das Bekanntwerden dieses Unterdrückungssystems und seiner perfiden Techniken und Taktiken taten ein übriges, manche Brüder zur Zurückhaltung zu nötigen. Schließlich aber setzte sich die Auffassung durch, daß auch in Ostdeutschland die Menschen nicht vom Brot allein leben, daß es vielmehr einen Bedarf an Orientierung in der westlichen Wertewelt und Besinnung auf unvergängliche Menschheitswerte geben müsse.

Unsere Gespräche mit den Leipziger Suchenden bestätigten diese Auffassung. Fragen nach der politischen Vergangenheit wurden von allen Suchenden beantwortet; niemand war aktiv für die Staatssicherheit tätig gewesen. Die Zugehörigkeit zur SED allein konnte kein Grund zur Ablehnung für uns sein, wenn wir unseren Grundsatz „Vertrauen gegen Vertrauen“ durchhalten wollten. Nicht in einem einzigen Fall sind wir später in dieser Haltung enttäuscht worden.

Nächster Abschnitt – Gründung der neuen Minerva

(Quelle des Bildmaterials: sofern nicht anders angegeben Wikimedia Commons)