Freimaurerei bei der Bundeszentrale für politische Bildung

Die Bundeszentrale für politische Bildung veröffentlichte einen Beitrag von Prof. Dr. Jean Moreau unter dem Titel „Freimaurer: Der Mythos eines einflussreichen Netzwerkes“.

Jean Moreau, geboren 1938 in Paris, ist Professor für Philologie, Schriftsteller und gesellschaftlich engagiert. Er ist Mitglied des Grand Orient de France, wo er Logenmeister und Kapitelvorstand ist. Er ist außerdem Redaktionsmitglied bei den freimaurerischen Zeitschriften Humanisme und Le Maillon.

Einige Auszüge des Artikels, der hier vollständig nachlesbar ist, werden im folgenden wiedergegeben.


Die Freimaurerei ist ein soziales Phänomen mit universalistischer und humanistischer Ausrichtung, das auf den Idealen der Brüderlichkeit und Solidarität beruht. […] Zwar wird die Freimaurerei oft als eine besonders in der politischen Sphäre einflussreiche Bewegung wahrgenommen. Tatsächlich ist sie aber weit entfernt von der „Einheit“ und dem Einfluss, den ihr der ihr anhaftende Mythos eines mächtigen Netzwerkes unterstellt. Ganz im Gegenteil: Gerade ihre Komplexität ist charakteristisch für die Freimaurerei.

Historische Hintergründe der Freimaurerei

In der Ideenwelt der Freimaurer finden sich verschiedene Mythen wieder, die sich auf das alte Ägypten, die Erbauung des Tempels Salomos und die Kreuzzüge beziehen. Besser nachvollziehbar ist die Abstammung von operativen, also handwerklich tätigen Freimaurern (die früheren Baumeister der Kathedralen) und spekulativen, nicht-handwerklichen Freimaurern (die heutigen Freimaurer).

Seit einiger Zeit wird auch die Rolle betont, die im 17. Jahrhundert vermutlich die Londoner Royal Society in der Geschichte der Freimaurerei spielte, die nationale Akademie der Wissenschaften des Vereinigten Königreichs. Erstmals schriftlich definiert wurden die Regeln der Freimaurer in den von den Pastoren James Anderson (1684-1739) und Jean-Théophile Désaguliers (1683-1739) verfassten Constitutions, die die erste Charta der spekulativen Freimaurer bilden. Die 1723 in London erschienene Schrift kündigt die humanistische Absicht an, die von den Freimaurern vertreten wird:

„So wird die Freimaurerei zu einer Stätte der Einigung und zu einem Mittel, wahre Freundschaft zwischen Menschen zu stiften, die einander sonst ständig fremd geblieben wären.“


Das Zeitalter der Aufklärung

Der Grundsatz der Toleranz wurde vom Dichter und Freimaurer Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) zur Zeit der Aufklärung in seiner berühmten Ringparabel szenisch umgesetzt: In seinem Stück Nathan der Weise beschreibt er, wie ein Christ, ein Jude und ein Muslim – da sie alle rechtschaffene Ehrenmänner sind – eigentlich derselben Religion zugehörig sind: nämlich der, „über die sich alle Menschen einig sind“.

Es ist kein Zufall, dass der Aufschwung der Freimaurerei in Frankreich in die Zeit fällt, in der sich die Revolution anbahnt, die dem Ancien régime ein Ende setzen und der Republik den Weg ebnen sollte. Mit den Grundsätzen Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sind es dieselben Prinzipien, die zum einen das Wirken der Freimaurer innerhalb der Logen prägen, und die zum anderen die Grundlage republikanischer Gesellschaften bilden. […]


Einfluss der Freimaurerei auf die Entwicklung der Moderne

In seinem Buch Pénitents et Franc-maçons (1984) zeigt der Historiker Maurice Agulhon, inwiefern die Freimaurer im 18. Jahrhundert eine neue Art des sozialen Verhaltens förderten, also die Art und Weise veränderten, wie die Bewohner eines Landes ihre zwischenmenschlichen Beziehungen leben. Durch die Freimaurerei lebten Adelige, Geistliche und Bürgerliche innerhalb der Logen zusammen, auch wenn letztere als einfache Leute nur das Amt des „dienenden Bruders“ erreichen konnten.

Hinzu kommt, dass die spezifische Sprache der Freimaurer mit ihrem Appell an Freiheit, Gleichheit, Fortschritt und Bildung oft mit dem republikanischen Diskurs im 19. Jahrhundert übereinstimmte – und dies so stark, dass die Ausdrucksweise bis heute in der bürgerlichen Welt fortbesteht. In diesem Sinn hat die Freimaurerei die soziale Moderne vorbereitet, ohne dabei jedoch mit der Tradition zu brechen. […]


Freimaurerei, Spiritualität und Religion

Ihrer universalistischen Philosophie folgend verweist die Freimaurerei auf die Suche nach einer persönlichen Spiritualität. Symbolisch gesprochen bemüht sich der vom Glauben an gegenseitige Toleranz und die Fähigkeit zur Vervollkommnung des Menschen getriebene Freimaurer, ein „Bauwerk“ zu konstruieren: den inneren Tempel, aber auch den äußeren Tempel. Anders ausgedrückt: Er versucht, zugleich sich selbst und die Gesellschaft zu verbessern. Dafür stützt er sich auf eine Methode, die der Vorstellung und der Vernunft gleichermaßen viel Bedeutung zumisst, ohne beides jemals miteinander zu vermischen.

Auf der einen Seite bezieht sich die Freimaurerei auf das Prinzip der Überprüfung, das jede wissenschaftliche Aktivität kennzeichnet. Dieses Festhalten an der Vernunft bezieht sich auf das Vorgehen Isaac Newtons (1642-1729) und seine Entdeckung der universellen Gravitation.

In einem weiteren Sinne bedeutet die Bezugnahme auf die Vernunft eine Distanzierung von der religiösen, insbesondere der päpstlichen Autorität. Im 19. Jahrhundert war die Freimaurerei Synonym für Antiklerikalismus. Und doch ist die Freimaurerei, entgegen einer überkommenen Vorstellung, nicht antireligiös: Vor allem im 18. Jahrhundert zählten die Logen viele Priester unter ihren Mitgliedern. Von Beginn an berief sich die Freimaurerei auf den Deismus – also die wissenschaftlich begründete Annahme, es müsse einen Gott geben, da der Ursprung des Universums anders nicht zu erklären sei – und nahm Bezug auf den „Allmächtigen Baumeister aller Welten“. […] In der Praxis treffen gläubige und nicht-gläubige Freimaurer in allen Logen in unterschiedlicher Zahl aufeinander.


Positives Wirken der Freimaurer in die Gesellschaft

Den Freimaurern wird empfohlen, sich aktiv in der Gesellschaft zu betätigen, jedoch soll dieses bürgerliche Engagement (Wohltätigkeit, Solidarität, Vereinswesen, Gewerkschaften, Politik etc.) individuell und weniger kollektiv sein.

Der individuelle Charakter öffentlicher Tätigkeit ist angesichts der Vielfalt philosophischer, religiöser und politischer Meinungen, die in der Freimaurerei vertreten werden, umso mehr gerechtfertigt. So ist in den meisten Logen die Gesamtheit des politischen Spektrums abgebildet – mit Ausnahme der extremen Rechten oder Linken. […]

Beispiele für das Wirken von Mitgliedern der Minerva sind in den Logennachrichten nachlesbar. Hinzu kommen die Emirate Shriners und das freimaurerische Hilfswerk.