Die Freimaurerei ist wieder in Leipzig

Text vom ehemaligen Meister vom Stuhl der Loge Minerva Br. Wilhelm Thies

Nach den Logenferien 1991 hielten wir die Zeit für gekommen, die Arbeit der Loge „Minerva“ auch der Öffentlichkeit in Leipzig nahezubringen. In Zusammenarbeit mit der Loge „Zum weißen Bär“ organisierten wir eine Ausstellung im Leipzig-Informationszentrum im November 1991. Die Eröffnungsveranstaltung vor einer ansehnlichen Zuhörerschar wurde durch mich eröffnet und nach einem Vortrag des Br. Jens Oberheide über das Thema „Geschichte und Geschichten um Freimaurer in Leipzig“ mit einem Pressegespräch abgeschlossen. Immerhin konnte ich zu dieser Zeit bereits sagen, daß Leipzig die erste Stadt in den neuen Bundesländern war, in der wieder zwei Freimaurer-Logen arbeiteten. Die Präsentation unserer beiden Logen und die ansehnliche Ausstellung (aus Celle geliehen) fanden ein durchaus befriedigendes Echo in der Presse.

Die Öffentlichkeitsarbeit unserer Logen wurde von der Großloge AFuAM wirksam unterstützt durch das ostdeutsche Freimaurerseminar „Auftrag oder Nostalgie? – Freimaurerei in den neuen Bundesländern“ im Januar 1992. Die Tagung gab Gelegenheit, die bisherigen Erfahrungen auszutauschen und den Dialog zwischen Brüdern aus Ost und West zu vertiefen. Trotz vielfältiger Anstrengungen durch die genannten Veranstaltungen wie auch durch Gästeabende blieb das zahlenmäßige Wachstum in Leipzig bisher sehr bescheiden. Dennoch konnte ich im Januar 1992 dem Schriftleiter der „Humanität“ mitteilen, daß die Loge „Minerva“ inzwischen aus 15 Leipziger und 16 auswärtigen Brüdern mit 18 Meistern, 10 Gesellen und 3 Lehrlingen besteht.

Wichtiger als der äußere Aufbau war mir und meinen Brr.·. die innere Gestaltung der Logenarbeit. Sie hatte zum Ziel, unsere Leipziger Brüder in das Ritual wie in die Geschichte und das Brauchtum der Freimaurerei so einzuführen, daß die Leitung und selbständige Gestaltung der Logenarbeit zum frühestmöglichen Zeitpunkt in ihre Hände gelegt werden könnte. Dies entsprach unverkennbar auch dem Wunsche unserer Leipziger Brüder. Wir Brüder der Mutterloge konnten und wollten die für das persönliche Leben unserer ostdeutschen Brüder geteilte Geschichte nicht verdrängen.

Wir verzichteten darauf „Rezepte für die Garküche der Zukunft“ (Fr. Engels) zu geben, aber wir vertrauten der Kraft einer säkularisierten Vernunft und unserer Phantasie, auch das Unwirkliche als wirklich denken zu dürfen, wie es viele Leipziger Bürger während der „sanften Revolution“ im Herbst 1989 taten. Wir wollten nicht die Menschheit erlösen, wenn es darum ging, die Lage von Mensch zu Mensch zu verbessern.

Unsere Aktivitäten waren so angelegt, daß die Verschiedenheiten und Gemeinsamkeiten von Ost und West in Alltagserfahrungen behutsam wahrgenommen und als Suchbewegungen nach eigener Identität respektiert wurden. Wir Brüder aus Ost und West haben uns kennen- und schätzengelernt. Wir haben gemeinsam erfahren und erlebt, daß das Logenleben den Prozeß der Annäherung gefördert hat, daß das Ritual und unser Brauchtum die kulturelle Befindlichkeit und die geistigen und psychischen Bewegungen unserer Zeit zum Klingen bringen.

Seit dem Maurerjahr 1992/93 waren Leipziger Brüder sowohl im Vorstand der Loge als auch als Zugeordnete in allen Ämtern verantwortlich an der Leitung und Weiterentwicklung der Loge beteiligt; vom Maurerjahr 1994/95 an bilden allein Leipziger Brüder den Vorstand und den Beamtenrat.

Etliche hannoversche Brüder sind Doppelmitglieder geblieben, sie besuchen ihre „Minerva“ so oft es geht und nehmen an ihrem Weg lebhaftesten Anteil. In der 250jährigen Geschichte der Loge „Friedrich zum weißen Pferde“ hat die Gründung dieser Tochterloge eine hervorragende Bedeutung wegen der einmaligen geschichtlichen Situation nach der „Wende“ und der Vereinigung beider deutschen Staaten. ob sie die „innere Vereinigung“ der Menschen aus Ost und West fördern konnte, bleibt dem Urteil der uns nachfolgenden Generation überlassen; ob die „innere Vereinigung“ vollendet werden wird, ist auch von dem Engagement der Brüder abhängig.