Beginn der ersten Arbeiten der Minerva

Text vom ehemaligen Meister vom Stuhl der Loge Minerva Br. Wilhelm Thies

Mit großen Erwartungen bereiteten wir uns auf die Lichteinbringung und Einsetzung der Loge „Minerva zu den drei Palmen“ vor, die anläßlich des 245. Stiftungsfestes der Mutterloge am 19. Januar 1991 erfolgte.

Es wurde ein großes Fest mit unserem Großmeister, dem Großsekretär der VGLvD, dem Distriktsmeister und 45 besuchenden Brüdern, insgesamt 120 Brüdern! Unter der Hammerführung des Großmeisters, Br.·. H.·. Z.·., erfolgte die Lichteinbringung und Einsetzung mit Verlesung der Gründungsurkunde und des Dekrets der VGL, der Verpflichtung des Meisters v.,Stuhl und der übrigen Beamten, sowie die Aushändigung des Bijous an alle Minerva – Brüder.

Was uns an diesem Tage bewegte, kommt in einigen Sätzen aus meiner Ansprache zum Ausdruck:

„Durch die Gunst der geschichtlichen Ereignisse des letzten Jahres bekommt der heutige Tag eine Bedeutung, die andere weit überragt. Die Brüder nehmen nicht nur teil, wir vollziehen gemeinsam etwas, was nicht vielen Freimaurern vergönnt ist und was für die meisten unter uns ein einmaliges Erlebnis bleiben wird. Dieses ist ein großer Tag für unsere geliebte Loge „Friedrich zum weißen Pferde“, Hannovers älteste Loge, die sich anschickt, Leipzigs älteste Loge „Minerva zu den drei Palmen“ zu neuem Leben zu erwecken. Als erste von ehemals 13 Leipziger Logen ist sie soeben als Deputationsloge eingesetzt worden.“

Dankbar und hoffnungsvoll haben meine Brüder und ich sofort nach der Wende im November 1989 Wege gesucht, an die große Tradition der Freimaurerei in Leipzig anzuknüpfen. Es gehörte Mut dazu, ausgetretene Pfade zu verlassen und konsequent neue Möglichkeiten zu nutzen, die sich nunmehr eröffneten, geradezu als ein Geschenk. Voller Genugtuung stellen wir heute fest, daß zwei Diktaturen bei all ihrer Unmenschlichkeit schwächer waren als Freiheitswille, Bürgersinn und Streben nach individueller Entfaltung. Ihr, meine lieben jungen Brüder aus Leipzig, seid lebendiges Zeugnis für solche Gesinnung und seid deshalb folgerichtig Freimaurer geworden. Euch gelten unser aller Dank und unser besonders herzliches Willkommen in unserem Bunde.“

Nach meinem Dank an unsere Großloge und die VGL richtete ich das Wort an die Bruderschaft der Mutterloge:

„Mein persönlicher Dank gilt vor allem Euch, meine lieben Brüder. Ihr habt die gewiß nicht leichten Entscheidungen, die ich Euch abverlangte, mitgetragen, Ihr habt sie durch Eure finanziellen Opfer erst möglich gemacht, und ihr habt die wichtigsten Beschlüsse einstimmig gefaßt. Mag dem einen oder anderen Bruder zuweilen das Tempo zu schnell gewesen sein, – daß wir heute, 14 Monate nach der Wende, 3 1/2 Monate nach der staatlichen Vereinigung 13 Leipziger Bürger als Brüder in unseren Reihen haben, daß wieder eine Loge in Leipzig arbeiten kann, – das ist das Entscheidende-.

Meine Brüder, im Gegensatz zu manchen westlichen Aktivitäten in den neuen Bundesländern verstehe ich unsere freimaurerische Aufgabe als eine dienende, helfende, selbstlose. Eine Reduktion auf das Materielle- gereicht uns nicht zur Ehre, denn wir sind eine geistig – kulturelle und moralische Instanz! Ich will unsere Rolle als betreuende Loge ein wenig verdeutlichen. Die Entwicklung eines Lebewesens ist abhängig von seiner genetischen Ausstattung und den Wachstumsbedingungen. Der genetischen Ausstattung vergleichbar ist das menschliche, geistige Potential unserer jungen Leipziger Brüder in der Minerva. Die Pferd-Brüder sind in der Rolle des Gärtners, der dem Pflänzchen Deputationsloge gute Wachstumsbedingungen schafft, der es nährt und pflegt, der widrige Einflüsse von ihm fernhält, der es behutsam zu dem erzieht, was in ihm selbst angelegt ist. Wir kennen diesen Weg der freien Entfaltung, und sagen, auf das Individuum angewendet: Erkenne Dich selbst!Werde der Du bist!

Diesen Selbstformungsprozeß respektieren wir auch, wenn es um eine soziale Gruppe geht. So geschieht es hier in unseren Logen, so möge es auch in den neuen Bauhütten sein. Dann werden wir gemeinsam die kulturelle Aufgabe lösen helfen, Deutsche hier und Deutsche dort nach vierzig Jahren unterschiedlicher Geschichte wieder dem so lange entbehrten Gespräch zu öffnen; denn nur im umfassenden Diskurs können Moral und Integrität zurückgewonnen werden, kann das Gesellschaftliche in allen Teilen Deutschlands wieder aufleben, können geistige, kulturelle und mentale Grenzen überwunden werden. Jede neue Loge in den neuen Bundesländern ist eine weitere Brücke zwischen Ost und West.“

Der Bruder Redner gab in seiner Zeichnung mit dem Thema „Minerva in Leipzig“ eine sehr feine Deutung des Namens der alten Leipziger Loge und der Abbildung der Minerva, die uns im Bijou überliefert ist. Besonders anrührend waren die Worte des Br. K.M., der in seinem Redebeitrag berichtete, daß sein Vater im Jahre 1919 in die Loge „Minerva zu den drei Palmen“ aufgenommen wurde.

Unter den Geschenken, – Bausteine zu schenken, war damals noch nicht üblich – ist besonders hervorzuheben eine Tempelausstattung mit Säulen, Tischen, Zeremonienstab usw., die ein Bruder nach der Löschung einer Loge auf bewahrt hatte. Sie stammte aus einer Loge der Großloge „Zu den drei Weltkugeln„, dennoch war sie uns höchst willkommen. Inzwischen hat die Loge Minerva eine eigene Tempelausstattung erhalten,so daß sie die geschenkte wiederum einer 3-WK-Loge übereignen konnte.

An dieser Stelle muß gesagt werden, daß sämtliche Geldmittel, die für die Wiedererweckung der Loge „Minerva“ erforderlich waren, von den Brüdern der Loge „Friedrich zum weißen Pferde“ aufgebracht wurden, z.B. wurden über Jahre hinweg alle Sammlungen anläßlich der Beratungslogen und Tempelarbeiten diesem Fonds und Zweck zugeführt.

Eintragung ins Vereinsregister der Stadt Leipzig

Mit der Lichteinbringung war der wichtigste Schritt geschehen, – die Loge „Minerva zu den drei Palmen“ war „in Arbeit gesetzt.“ Nun mußte die Eintragung in das Vereinsregister betrieben werden. Wir reichten alle erforderlichen Unterlagen beim Bezirksgericht in Leipzig ein, das am 07.03.1991 die Eintragung in das Vereinsregister vornahm.

So glatt sich dieser Vorgang anhört, er war begleitet von mehr als unschönen Ereignissen: Eine andere westdeutsche Loge verlangte ein Amtslöschungsverfahren, das jedoch vom Bezirksgericht abgelehnt wurde, ebenso der Widerspruch. Daraufhin wurden wir verklagt, jedoch verlor die klagende Loge den Prozeß. Ruhe gab es dennoch nicht, denn sie versuchte, den Gang der Dinge aufzuhalten durch eine Eingabe an den Landtag des Freistaats Sachsen. Der Landtag mußte die Eingabe als unbegründet zurückweisen. Diese Vorgänge belasteten unsere Arbeit anfänglich, aber wir ließen uns nicht beirren den eingeschlagenen Weg weiterzugehen, d.h. nun mit der Arbeit in Leipzig zu beginnen.

Die Minerva „vor Ort“

Bereits am 02.02.1991 fuhren 6 Brüder des Beamtenrats nach Leipzig, um dort mit den Leipziger Brüdern die erste Beratungsloge zu halten. Im Vordergrund stand die Organisation unserer Logenarbeit in Leipzig. Ein Arbeitsplan für die Zeit bis Johanni 1991 war vordringlich aufzustellen, denn das 250. Stiftungsfest der Loge „Minerva“ stand unmittelbar bevor. Darüberhinaus war der Rhythmus der Logenarbeiten festzulegen, insbesondere der Unterweisungen, die Br.·. H.·. K.·. bereitwillig übernahm.

Mit Rücksicht auf die relativ große Entfernung zwischen Hannover und Leipzig und die kaum berechenbaren Verkehrsverhältnisse war es nötig, die Veranstaltungen mit Beteiligung der hannoverschen Brüder jeweils am Wochenende stattfinden zu lassen. Ein anderer außerordentlich wichtiger Punkt betraf die Raumfrage.

Die ersten Beratungslogen fanden im Clubraum des „Thüringer Hofs“ in Leipzig statt. Schon bald zeigte sich aber die Wendigkeit und die Improvisationsfähigkeit einiger Leipziger Brüder, so daß in relativ kurzer Zeit in einem leerstehenden ehemaligen Wohnhause eine Wohnung durch einen Bruder so hergerichtet worden war, daß wir dort auch Tempelarbeiten abhalten konnten.

Ein Raum war als Tempel, blau gestrichen und mit einer Kette liebevoll bemalt und auch mit einer indirekten Beleuchtung ausgestattet. So konnten wir bereits am 23. März 1991 eine TA I mit Tempelweihe durch den Distriktsmeister Niedersachsen und anschließendem Brudermahl in „Auerbachs Keller“ feiern. Wir hannoverschen Brüder empfanden die Reisen nach Leipzig zunächst etwas abenteuerlich. Da die Arbeiten wegen der Anreise immer erst um die Mittagszeit beginnen konnten, erstreckten sie sich weit in den Abend hinein, so daß eine Reise nach Leipzig und zurück in der Regel zwölf Stunden und länger dauerte. Wir fuhren meistens mit dem Auto.

Die Strassenverhältnisse in Ostdeutschland waren für unsere Begriffe katastrophal schlecht, obwohl wir in der Regel die Strecke wählten, die zu DDR-Zeiten als Transit-Weg bezeichnet war. So konnte es beispielsweise geschehen, daß Brüder sich gegenseitig aufmerksam machten auf bestimmte Engpässe, besonders große Schlaglöcher und andere Hindernisse auf dem Wege. Die Brüder des Beamtenrats vollbrachten hier eine großartige Leistung. Sie waren zum größten Teil berufstätig, opferten ihre Freizeit am Wochenende, unterzogen sich dieser strapaziösen Reise und trugen auch die entstehenden Kosten selbst.

Die Mannschaft wuchs eng zusammen, und wir hatten auch manchen Spaß miteinander, wenn wir z.B. in einer Gaststätte – etwa auf halbem Wege – wiederholt einkehrten und dort Erstaunen hervorriefen, weil wir wegen unserer Kleidung für Trauergäste gehalten wurden, die dennoch sehr fröhlich waren. An Zwischenfällen bzw. Kuriositäten fehlte es nicht: Da hatten wir bei der ersten Gemeinschaftsfahrt bereits nach wenigen Kilometern Fahrt eine Autopanne.

Bei der ersten Tempelarbeit – über 20 Brüder in einem nur 20 qm großen Raum – wurden mehrere Vasen und Utensilien bei den Wanderungen von den Aufsehertischen gefegt. Oder wir standen im Regen vor verschlossener Tür, weil ein verschnupfter Bruder den Schlüssel nicht herausrücken wollte. Das Einüben freimaurerischer Gepflogenheiten und in den brüderlichen Umgang war vielfältig, farbig und interessant, wenngleich nicht immer einfach.

Aber es bereitete uns große Freude zu sehen, wie unsere Leipziger Brüder mehr und mehr in das freimaurerische Miteinander hineinwuchsen, wie Begeisterung und Freude an der Sache ihnen half, Schwierigkeiten – die es genügend gab – zu überwinden. Solche Schwierigkeiten nötigten uns aber auch, hin und wieder flexibel zu disponieren.

Nächstes Kapitel – Feier des 250. Stiftungsfests der Minerva