Die Leopoldina in Halle – einst das Logenhaus der Loge „Zu den drei Degen“ in Halle/Saale – 24.05.2012

FAssade über dem Haupteingang der Leopoldina (Foto: Andreas Stedtler)
FAssade über dem Haupteingang der Leopoldina (Foto: Andreas Stedtler)

Akropolis! Weißes Haus! Mit Superlativen haben die sonst eher zurückhaltend aufgelegten Hallenser nicht gespart, seitdem ihnen die unverhoffte Ehre der Nationalakademie auch ein wahres Prachtschloss der Wissenschaften beschert hat.

Viele in der Stadt wollen ihren Augen kaum trauen, sind sie doch in dem wundersam verwandelten Bauwerk in der Nachbarschaft zur Moritzburg zu ihrer Studentenzeit ein- und ausgegangen, als die Fassade grau und das Innere verschlissen war.

Im Jahr 2001 zog nach 50 Jahren Nutzung die Universität aus dem Gebäude aus. 1998 hatte es die „Weltkugel-Stiftung“ als Erbe zurückerstattet bekommen. Das ursprüngliche Haus der „Loge zu den drei Degen“ war ihr als erklärter Rechtsverweser der Freimaurer zugesprochen worden. Mangels Mieter oder eigenem Bedarf ließ sie es leer stehen. Dann, nach der Erhebung der Leopoldina zu neuen Ehren, war das Gebäude bald ausgesucht als angemessene Residenz, und die Stiftung fand sich mit 800 000 Euro aus Steuergeldern üppig entschädigt.

In dem Haus, das einst für mystisch verbrämte Welterkenntnis-Rituale gebaut wurde, ist die Leopoldina dennoch nicht ganz fremd. Wenn sie 2013 im Festsaal ihre erste Jahresversammlung im warmen Ockerton von Stuckmarmor und Blattgold abhält, dann kehrt sie dorthin zurück, wo sie in den 50er-Jahren ein paar Mal zu solchen Tagungen zusammenkam, als das Farbkonzept noch von kalkweiß und himmelblau bestimmt war.

Es ist in diesem Saal, aber auch im Vestibül, im Treppenhaus und im ehemaligen Speisesaal, dass sich das Zusammenspiel von Architekturbüro – Rhode, Kellermann, Wawrowsky aus Düsseldorf und Leipzig – und Restaurator – dem Hallenser Gerhard Richwien – am deutlichsten offenbart. Das Freilegen der Zeitschichten paart sich mit dezenter Licht-Regie und dem Minimalismus neuer Einbauten, von den gläsernen Brandschutz-Trennwänden bis zur neuen Fluchttreppe hinter der verglasten Bogenloggia im westlichen Bauflügel. Doch die zugleich historistische wie puristische Verwandlung des Bauwerks macht es für den Besucher schwerer zu erkennen, für wen es einst gebaut war und wer es später nutzte und veränderte. Zur Eröffnung gibt die Akademie zwar eine Broschüre mit Beiträgen unter anderem von Richwien und dem Architekturbüro heraus, doch für ein Aufblättern der Geschichte des Hauses bräuchte es sehr viel mehr archivalisches Bildmaterial.

Schon die Hügellage, die sich jetzt beim Gang durch die elegant gestaltete Parkanlage erst richtig erschließt, ergibt sich aus geschichtlicher Topografie: Es war Kardinal Albrecht, der 1534 mit dem Aushub des Moritzburg-Grabens eine Schanze anlegte und darunter das „Jüdendorf“ begrub.

Festsaal der Leopoldina (Foto: dpa)
Festsaal der Leopoldina (Foto: dpa)

Die späteren „Administratoren“ wiederum dehnten ihre Residenz ins Umfeld aus, legten einen „Parade-“ und einen „Reitplatz“ an und hielten auf dem Hügel eine Jagdhütte. Seinen Namen behält der „Jägerberg“ auch noch, als ihn 1792 die inzwischen politisch und finanziell etablierten Freimaurer für ihre Loge kaufen. Man schaut heute im Wesentlichen auf zwei ineinander verzahnte Flügel von klassizistisch-palladianischer Formensprache: der westliche von 1867 mit dem säulengeschmückten Festsaal im Inneren und der östliche von 1889, mit dem auch das repräsentative Treppenhaus entstand. Richwien, auch Autor einer Studie zu den halleschen Freimaurern, belegt die Verbindungen der beteiligten Architekten zur Loge.

Innen richteten sie eine Abfolge von Ritualräumen ein. Komplett erhalten ist nur einer, mitsamt erst teilweise freigelegter sinnbildlicher Malerei, die Richwien den Freimaurer-Graden V und VI, dem „Inneren Orient“, zuordnet. Gerade dieser Raum aber bleibt bis auf Weiteres verschlossen, da Geld für die Restaurierung fehlt; als internes Museum zur Baugeschichte böte er sich geradezu an.

Ist schon die Spur der Freimaurer am neuen Sitz der Leopoldina erklärungsbedürftig, so gilt das erst recht für die Zeugen der Epoche unter dem Zeichen des Hakenkreuzes. Dieses muss man sich nämlich ausgerechnet im präsidialen Sitzungssaal dazudenken, dessen moderne Ledersessel am ovalen Konferenztisch mit der Rundumtäfelung aus Eschenholz und dem gewaltigen schmiedeeisernen Kronleuchter eigentümlich disharmonieren. Dieses Prachtstück „altdeutscher“ Wertarbeit mit mundgeblasenen Lampenschirmen (darin nunmehr Energiesparlampen) verweist wie auch der Vortragssaal nebenan auf das Jahr 1939, als die Freimaurer unter unausweichlichem Druck ihr Haus der Stadt „übereigneten“.

Dokumente im Stadtarchiv belegen, dass die NS-Stadtverwaltung bald danach eine „Pflegestätte der gediegenen Geselligkeit“ und für den Gauleiter Albrecht Eggeling eine Dienstwohnung im Haus einrichtete. Die Ritualräume wichen einem „Großen Empfangsraum“ mit Polstersesseln und Spitzendeckchen für „Darbietungen“ von Volksgut.

Die „Zusammenkünfte“ sollten „den Einklang der Stadtverwaltung mit der Partei fördern“. Die „Meisterklasse der Burg Giebichenstein“ steuerte Vasen und Schalen bei. All das ist bis auf die Wandleuchter und das Relief des „Ausritts zur (Falken-)Jagd“ verschwunden. Im April 1945 richteten die Amerikaner im Logenhaus ihre Kommandantur ein, die nachrückenden Sowjets machten es zum „Haus der Offiziere“. 1952 übergaben sie es aber an die Universität, die darin reichlich Säle für Vorlesungen, Seminare und für die Mensa vorfand.

Ein Schriftzug quer über die Fassade feierte den neuen Namenspatron, den russischen Schriftsteller, Philosophen und Verbreiter „revolutionärer Gedanken“, Nikolai Tschernischewski, den die Zaren 1864-1889 in sibirische Verbannung schickten. Schon weil Lenin dessen Romantitel „Was tun?“ für sich übernahm, wurde er zu einem Urahn des Sozialismus, und als Verkünder der These von der „allseitigen Entwicklung des Menschen durch Erziehung“ zur passenden Leitfigur für eine Universität in der DDR.

Generationen von Studenten der halleschen Universität, die das Haus stets als „das Tscherny“ kannten, sorgten allerdings auch für dessen Verschleiß. Aber nicht nur das war mit der Sanierung umzukehren. Von den 16 Millionen Euro Baukosten flossen allein 1,8 Millionen in Bodenpfähle, Maueranker und Betoninjektionen, um das fortschreitende Absinken des Gebäudes zu bremsen. Um auch die Stuckmarmorsäulen von der weißen Ölfarbe zu befreien, steuerte die Leopoldina schließlich noch eigene Gelder bei. Erstaunlich genug, dass 16 Monate Bauzeit reichten, um der Leopoldina ihre glanzvollste Residenz zu bescheren.

Quelle: http://www.mz-web.de/7699378