Grundsteinlegung für den „Tempel der Forschung“ durch die Akademie der Naturforscher Leopoldina am 10.11.2010

Restauratoren legen die historische Farbgebung frei. (Foto: Andreas Stedtler)
Restauratoren legen die historische Farbgebung frei. (Foto: Andreas Stedtler)

Das Haus der „Loge zu den drei Degen“ in Halle steht schon seit mindestens 143 Jahren auf dem Hügel neben der Moritzburg und dennoch legt der neue Eigentümer, die Akademie der Naturforscher Leopoldina, am Mittwoch absichtsvoll einen Grundstein.

Keineswegs im Freien, denn es wird nichts erweitert, kein neues Gebäude auf dem Grundstück errichtet. Dass stattdessen ein massiver Umbau anläuft, wird die Schar der Ehrengäste feststellen, wenn sie den Staub von den polierten Schuhen wischt: Nicht nur die Pfeilerhalle, in der die Zeremonie stattfindet, zeigt sich bis auf das Mauerwerk entkernt und ausgeweidet, das gilt für fast alle Räume in diesem labyrinthischen Gebäude.

Leopoldina in Halle – Einst Sitz der Freimaurer

Selbst im vornehmen Treppenhaus und im Festsaal deutet alles darauf hin, dass die abblätternde und stumpf gewordene Pracht der Säulen und Stuckdecken einer Verwandlung entgegen geht. Was einst ein Tempel für die Rituale der Freimaurer war, trägt künftig den Namen „Nationalakademie“ im Türschild.

Wie es dazu kam, dass Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) im Juli 2008 die Leopoldina in diesen neu geschaffenen Rang erhob, ist eine Geschichte für sich. Die Politik hatte schon lange Bedarf an wissenschaftlicher Beratung auf hoher Ebene angemeldet und eine gemeinsame Repräsentanz deutscher Forschung auf internationaler Bühne gewünscht.

Vorbild waren die nationalen Wissenschaftsakademien von England, Frankreich und den USA. Aber unter den acht historischen Akademien in Deutschland eine Zusammenarbeit zuwege zu bringen, ging nicht ohne Rangeleien ab. Immerhin war die Leopoldina, 1652 von vier Schweinfurter Medizinern als heilkundliche Forschergemeinschaft gegründet, die älteste und durfte unter Kaiser Leopold I. „Reichsakademie“ heißen.

Höhere Weihen

Untereinander haben sich die Akademien inzwischen geeinigt und zudem die Akademie der Technikwissenschaften mit an Bord der Nationalakademie genommen. Über die Leopoldina und die Stadt Halle, wohin sie 1878 ihren Sitz dauerhaft verlegte, ergießt sich dank der höheren Weihen ein Füllhorn, über das Hochschulen im Land nur staunen können: Die Gelehrtensozietät mit bisher sechs Millionen Euro Jahresetat verdreifacht bis 2012 die Zahl ihrer Planstellen auf 75 und wird zum Ausrichter internationaler Konferenzen. Für die Politikberatung wird in Sektionen getagt, für die zahlreiche Räume eingerichtet werden.

Bei solchen Ansprüchen reicht der Stammsitz vis à vis der Universitätsbibliothek natürlich nicht mehr aus. Das Eckhaus und die Bibliothek werden nicht aufgegeben, aber um ein Hauptdomizil ergänzt. Ob dafür das Logengebäude ins Visier gerückt wäre, hätte die Leopoldina außer von der Rangerhöhung nicht gleichzeitig auch vom Konjunkturpaket der Bundesregierung profitiert, sei dahin gestellt.

Das Haus war 1998 der „Großen National-Mutterloge zu den drei Weltkugeln“ rückübertragen worden. Die war 1740 in Berlin von Friedrich dem Großen gegründet worden und beruft sich auf „Arbeit am rauen Stein“. Trotzdem ließ sie es leer stehen. Das Land bezahlte knapp eine Million Euro für Haus und Grundstück. Aus den Konjunkturmitteln stehen 15,2 Millionen Euro für die Grundsanierung und den Umbau zur Verfügung.

Klassizismus und Renaissance

Das Haus birgt aber auch ein historisches Erbe, das über den Horizont der Freimaurerei weit hinausgeht. Und dafür erweist sich die Summe doch wieder als zu knapp kalkuliert. Auf dem Hügel, den Kardinal Albrecht zur Schanze ausgebaut hatte, baute die Loge auf dem Höhepunkt der halleschen Industrialisierung kurz hintereinander zwei ebenso pompöse wie stilistisch auseinander fallende Flügel anstelle ihrer ersten Bauten aus dem späten 18. Jahrhundert: 1867 nach Westen ein klassizistisches Prunkgebäude mit dem Treppenhaus, Festsaal und einem Ritualraum, 20 Jahre später nach Osten ein Verwaltungs- und Tagungsgebäude mit einer Fassade in der Manier der italienischen Renaissance.

Die Nationalsozialisten verboten die Freimaurerei. Die Stadt im Zeichen des Hakenkreuzes presste der Loge das Gebäude ab und machte daraus eine „Pflegestätte der gediegenen Geselligkeit“, begann aber 1940 mit einem weit reichenden Umbau des Ostflügels, in dem der Gauleiter – auf Kosten der Stadt – seine Empfänge veranstaltete. Davon zeugt ein holzgetäfelter Raum mit tonnenschwerem Kronleuchter und über dem Kamin im ehemaligen Empfangssaal ein Relief, das einen heroischen Rossebändiger beim „Aufbruch zur Jagd“ zeigt.

Dem sowjetischen Kommandanten, der nach Kriegsende einzog, gefiel das gar nicht. Er ließ es verdecken, erst recht den Hakenkreuz-Adler im holzgetäfelten Prunkzimmer abmeißeln. Aber die klassizistische Aura passte noch in die Zeit, als die Sowjets das Haus Mitte der 50er Jahre der Universität überließen und es nach dem Revolutionsdichter Nikolai Tschernyschewski benannten.

Imitierte Marmorpracht

Generationen hallescher Studenten sind durch das „Tscherny“ gegangen und haben in der Mensa gegessen, genau dort, wo nun der Grundstein gelegt wird. Während überall das Mauerwerk zur Sanierung freigelegt, der einstige „Tempelraum“ der Freimaurer mit den wiederentdeckten symbolischen Malereien erst einmal nicht angetastet wird, dringen die Restauratoren in Festsaal, Speisesaal und Treppenhaus zu den originalen Farbschichten vor.

Unter viel Weiß, Pastellblau und -braun wohl aus den 50er Jahren machten sie eine Aufsehen erregende Entdeckung: Die Säulen waren in antiker Manier marmoriert, in warmen Orangetönen im Saal, in dunklem Rot im Treppenhaus. Schon die alten Römer kannten diese billige Alternative zu echtem Marmor, gefertigt aus eingefärbter und durchgekneteter Stuckmasse.

Es passt zum Stil dieser Räume und wird sich auf den Farbklang der Stuckdecken, der vergoldeten Kapitelle und der bemalten Brüstungen auswirken. Die Archive steuern Zeichnungen und Fotos von verlorenem Inventar bei: Kronleuchter und Hängelampen erstrahlten im Festsaal, Palmetten und andere klassizistische Ornamente bekrönten die Fassaden.

Sponsoren gesucht

Doch die geschätzten 300 000 Euro für derlei Rekonstruktion fehlen im Etat. Die Leopoldina wird Sponsoren brauchen. Immerhin reicht das Geld für den Park rings um das Gebäude. Sogar ein Kunstwettbewerb läuft. 2012 will die Nationalakademie einziehen, dann wird sie Nachbar des Kunstmuseums in der Moritzburg sein. Und die Universität hofft – bisher ohne Aussicht auf Finanzierung – auf ihr Museum im ehemaligen Physikalischen Institut gegenüber. Geht alles gut, bekommt Halle ein ganzes Quartier von kultureller und gesellschaftlicher Anziehungskraft geschenkt.
– Quelle: http://www.mz-web.de/7867404 ©2016